Im Laufe des Jahres 2023 wurde KI Teil meiner gestalterischen Praxis und veränderte meinen Blick auf Bilder. Die Arbeit mit diesen Werkzeugen führte mich zu einer umfassenderen Frage: Was geschieht mit der visuellen Kultur, wenn mehr Menschen eine Idee in ein überzeugendes Bild übersetzen können?
Diese Frage bildete den Ausgangspunkt einer Serie von 44 Artikeln, die ich im Januar 2024 begann. Ich nahm mir vor, jeden Tag einen Beitrag zu veröffentlichen und dabei unterschiedliche Aspekte des Einflusses von KI auf unser Gestalten, Sehen und Erleben zu untersuchen. Die Serie entstand aus meinen eigenen Experimenten und Überlegungen, die ich im Dialog mit ChatGPT weiterentwickelte. Sie versammelt Beobachtungen und Hypothesen jener Zeit, keine Vorhersagen, deren Ausgang bereits feststand.
Die Fotografie bietet einen hilfreichen Vergleich, auch wenn die Geschichte komplexer ist als eine bloße Abfolge von Technologien. Kunst hat sich nie allein mit wirklichkeitsgetreuer Darstellung beschäftigt. Die Kamera veränderte die Bedingungen künstlerischer Arbeit und war eine von mehreren Kräften, die neue Formen des Sehens und der Bildgestaltung begünstigten.
Generative KI bringt einen weiteren Wandel: Auch Menschen ohne formale Ausbildung im Zeichnen oder in der Bildbearbeitung können aus Beschreibungen und Referenzen Bilder erzeugen. Fotografische Konventionen – Lichtführung, Bildausschnitt, Schärfentiefe – liefern dabei ein vertrautes visuelles Vokabular, selbst wenn die dargestellte Szene nie existiert hat.
Dadurch sinken einige technische Hürden. Eine Idee, visuelles Wissen und Urteilsvermögen werden damit jedoch nicht überflüssig. Eine Absicht zu formulieren, ein vielversprechendes Ergebnis zu erkennen und über Änderungen zu entscheiden, sind eigenständige kreative Fähigkeiten. Ein ansprechendes Bild ist nicht zwangsläufig originell oder aussagekräftig.
Die Chance liegt für mich darin, mehr Menschen einen Weg zu eröffnen, ihre Vorstellungen zu erproben und mitzuteilen. Ein leichterer Zugang könnte die Teilhabe an visueller Kultur erweitern. Er macht diese Kultur aber nicht automatisch vielfältiger: Vertraute Stile und vorgegebene Muster können dadurch ebenso an Einfluss gewinnen.
Die spannende Frage lautet deshalb nicht einfach, wie viele Bilder wir herstellen können. Entscheidend ist, wessen Ideen sichtbar werden, was diese Bilder vermitteln und wie viel von der eigenen Perspektive ihres Urhebers in ihnen erhalten bleibt.


KI & visuelle Kultur: 2. Maschinelles Lernen und künstlerische Stile ↗

