Was geschieht mit Modebildern, wenn die Person darauf nie existiert haben muss? In diesem Teil meiner Untersuchung von 2024 zu KI und visueller Kultur erkunde ich den möglichen Aufstieg synthetischer Models und seine Folgen für Werbung, Repräsentation und den Beruf selbst. Es ist ein Ausblick auf Richtungen, die die Branche einschlagen könnte, keine Behauptung, der Wandel sei bereits abgeschlossen.
Eine Kampagne könnte sich eines Tages entwickeln lassen, ohne für jede Variante ein klassisches Shooting zu organisieren. Marken könnten Pose, Umgebung oder Styling schneller ändern und kleinere Kampagnen wirtschaftlich umsetzbar machen. Arbeit würde sich in Richtung Art Direction, Bildentwicklung und Ergebniskontrolle verlagern. Geringere Produktionskosten könnten visuelles Experimentieren auch Unternehmen eröffnen, für die ein Shooting bislang zu teuer war.
Digitale Figuren ließen sich an verschiedene Märkte und Zielgruppen anpassen. Eine Kampagne wäre damit weniger von einer einzigen physischen Produktion abhängig. Dies könnte das Spektrum sichtbarer Erscheinungsbilder in der Werbung erweitern. Repräsentation auf einem Bildschirm und Chancen für reale Menschen sind allerdings unterschiedliche Dinge: Ein vielfältigeres Bild schafft nicht automatisch eine inklusivere Branche.
Eine virtuelle Figur könnte auch zur langfristigen Markenbotschafterin werden, deren Aussehen und Geschichte über Jahre entwickelt werden. Sie könnte zwischen Standbildern, Filmen und interaktiven Umgebungen wechseln. Die Marke erhielte eine fortlaufende fiktive Präsenz, die eher einer Erzählfigur ähnelt als einer Folge einzelner Kampagnen.
Je überzeugender solche Figuren werden, desto eher könnten manche heute von menschlichen Models übernommenen Aufträge in die synthetische Produktion wandern. Das Ausmaß ist ungewiss, doch der Druck auf den Beruf könnte erheblich sein. Menschliche Models könnten stärker für ihre darstellerische Leistung, öffentliche Identität und Zusammenarbeit geschätzt werden. Zugleich könnten rund um die Gestaltung und Inszenierung digitaler Figuren neue Aufgaben entstehen.
Das digitale Abbild eines realen Menschen würde ein weiteres Arbeitsmodell eröffnen. Ein Model könnte die Nutzung seines Abbilds für vereinbarte Zwecke lizenzieren und zugleich Kontrolle über Veränderungen und Vergütung behalten. Diese Möglichkeit setzt eine wirksame Einwilligung und klare Vereinbarungen voraus. Eine vollständig erfundene Figur und das Abbild einer identifizierbaren Person sollten nicht als austauschbar behandelt werden.
Virtuelle Produktion könnte manche Reisen und physischen Inszenierungen reduzieren. Ihre gesamte Umweltwirkung hinge aber von Rechenaufwand und erzeugter Inhaltsmenge ab. Auch die Produktpräsentation könnte flexibler werden. Transparente Kennzeichnung und eine getreue Darstellung der Kleidung blieben wesentlich: Ein generierter Ausdruck kann überzeugen, ohne auf erlebter Erfahrung zu beruhen. Ein Bild ist zudem kein Beleg für Passform.
Die weiterreichende Möglichkeit liegt im Übergang vom Fotografieren einer Person zum Aufbau einer dauerhaften visuellen Identität. Das könnte verändern, wer in unserer gemeinsamen Bildwelt erscheint und wer für ihre Gestaltung bezahlt wird. Weder das Verschwinden menschlicher Models noch die Vorherrschaft synthetischer Figuren halte ich für unausweichlich. Das kulturelle Ergebnis wird von den Entscheidungen der Marken, Gestalter und ihres Publikums geprägt.


KI & visuelle Kultur: 27. Schmuck zwischen Vorstellungskraft und Handwerk ↗

