Ein unerwartetes Bild kann eine festgefahrene Vorstellung lösen. Eine andere Farbbeziehung, eine sperrige Komposition oder ein überraschendes Detail eröffnet womöglich eine Richtung, die wir zuvor nicht bedacht hatten. Hier finde ich das Bild der KI als Muse hilfreich: als Quelle von Anstößen und Möglichkeiten in einem kreativen Prozess, den ein Mensch führt.
Generative Modelle greifen auf Muster zurück, die sie anhand großer Bildsammlungen gelernt haben. Ihre Bandbreite kann ungewohnte Verbindungen sehr schnell verfügbar machen. Das sollte man jedoch nicht mit der visuellen Erfahrung eines Künstlers verwechseln – mit dem Wissen, das durch Sehen, Gestalten, Erinnern und Leben entsteht. Das Training eines Modells ist kein menschliches Gedächtnis. Auch der Umfang seiner Trainingsdaten macht sein Urteil nicht überlegen.
In der Praxis kann der Austausch einfach aussehen: eine Idee beschreiben, die Ergebnisse betrachten, die Aufgabenstellung verändern und es erneut versuchen. Wenige brauchbare Varianten können genügen, um die Arbeit voranzubringen. Hunderte zu erzeugen, ist kein Selbstzweck. Zu viele ähnliche Optionen können es sogar erschweren, eine schwache Idee als solche zu erkennen.
Der nächste Schritt verlangt weiterhin Urteilsvermögen. Ich kann eine Komposition auswählen, neu zeichnen, ihren Rhythmus verändern oder sie als Ausgangspunkt für eine Arbeit in einem anderen Medium verwenden. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen dem entstehenden Bild und der dahinterliegenden Absicht – nicht die Neuheit des Werkzeugs, mit dem der erste Entwurf entstand.
Diese Arbeitsweise wirft Fragen nach der Urheberschaft auf, lässt die gestalterische Absicht aber nicht verschwinden. Der Mensch entscheidet weiterhin, was er verfolgen und was er verwerfen möchte – und wann die Arbeit das ausdrückt, was sie ausdrücken soll. Das Versprechen einer KI-Muse liegt für mich nicht darin, die Vorstellungskraft zu ersetzen. Es liegt darin, dass die Begegnung mit einem unerwarteten Ergebnis sie in Bewegung bringen kann.


KI & visuelle Kultur: 4. Ein eigener Weg durch die Kunst ↗

