Eine Fotografie kann ein Dokument, eine Interpretation oder das Ausgangsmaterial für ein anderes Bild sein. KI macht die Grenzen zwischen diesen Rollen schwerer erkennbar. Im sechsten Essay meiner Serie von 2024 untersuche ich ihren Einfluss auf die Fotografie: vom Moment der Aufnahme bis zu der Frage, was ein Bild uns glauben lassen möchte.

Smartphone-Fotografie beruht schon heute auf umfangreichen Berechnungen. Mehrere Belichtungen zu kombinieren, Rauschen zu reduzieren oder ein Motiv vom Hintergrund zu trennen, kann schwierige Aufnahmesituationen beherrschbarer machen. Manche dieser Verfahren nutzen maschinelles Lernen, andere beruhen auf anderen rechnerischen Methoden. Ihre Ergebnisse hängen weiterhin vom Licht, vom Sensor und von den Entscheidungen der Software ab. Verarbeitung macht nicht jedes Bild technisch oder ästhetisch besser.

Generative Werkzeuge eröffnen eine andere Möglichkeit: ein überzeugendes Bild zu erzeugen, ohne die dargestellte Szene zu fotografieren. Das kann bei der Entwicklung eines visuellen Konzepts oder einer Illustration mit bestimmter Stimmung hilfreich sein. Es ist jedoch nicht dasselbe wie die Aufnahme eines realen Produkts, einer Person oder eines Ereignisses. Für eine Marke ist ein unverwechselbar wirkendes Bild nur dann nützlich, wenn es auch zutreffend vermittelt, was sie anbietet.

Vor einem Shooting kann KI helfen, ein Moodboard zu entwickeln, Lichtideen zu erkunden oder eine Aufnahmeliste zu entwerfen. Aus diesen Vorschlägen muss ein umsetzbarer Plan werden: mit Ort, Ausrüstung, Materialien, Menschen und Zeit. Ein überzeugendes Referenzbild kann Lichtverhältnisse oder räumliche Beziehungen enthalten, die sich so nicht nachstellen lassen. Das Urteil des Fotografen verbindet den Entwurf mit den Bedingungen der Aufnahme.

Nach der Aufnahme können unterstützte Maskierung, Retusche und andere Bearbeitungswerkzeuge wiederkehrende Arbeit reduzieren. Generative Bearbeitung geht weiter, indem sie Elemente ergänzt oder ersetzt. Dadurch verändert sich die Art des Ergebnisses. Ein störendes Detail aus einem privaten Porträt zu entfernen, hat andere Folgen, als in einem Nachrichtenfoto ein Detail zu erfinden – auch wenn der Arbeitsschritt in der Software ähnlich aussieht.

Bei der Restaurierung ist diese Unterscheidung besonders wichtig. Ein System kann das Erscheinungsbild eines beschädigten Fotos verbessern. Rekonstruierte Details sind aber nicht zwangsläufig wiedergewonnene Belege. Es kann eine Textur oder einen Gesichtszug erfinden, die im Original nie vorhanden waren. Auch Kolorierungen und Altersveränderungen sind Interpretationen. Die Ausgangsdatei aufzubewahren und wesentliche Eingriffe zu dokumentieren, hilft, diesen Unterschied sichtbar zu halten.

Die zentrale ethische Frage lautet deshalb nicht einfach, ob KI eingesetzt wurde, sondern welche Vorstellung das Bild beim Betrachter erzeugt. In dokumentarischen und historischen Zusammenhängen sind die Herkunft des Bildes und der Umfang seiner Bearbeitung wesentlich. Kennzeichnungen und Bearbeitungsprotokolle können helfen. Kein einzelnes technisches Signal kann jedoch die Wahrheit von allem bestätigen, was ein Bild zeigt.

Für die künstlerische Arbeit eröffnen diese Werkzeuge ein weiteres Experimentierfeld. Fotografen können aufgenommenes Material mit konstruierten Elementen verbinden, Varianten erproben und Konventionen fotografischer Wirklichkeitstreue hinterfragen. Der kreative Beitrag liegt weiterhin in Auswahl, Regie und Bedeutungsgebung. Mehr mögliche Bilder ergeben für sich genommen noch keine stärkere Idee.

Verbindungen mit Augmented und Virtual Reality eröffnen weitere Perspektiven für räumliches Erzählen. Ich verstehe sie als Richtungen, die es zu erkunden gilt, nicht als unvermeidliche Entwicklungen. Besonders interessiert mich die wachsende Notwendigkeit, ein Bild von etwas Geschehenem von einem Bild des Vorstellbaren zu unterscheiden. Beides kann wertvoll sein, wenn die Arbeit ihr Verhältnis zur Wirklichkeit deutlich macht.